Die Schachweltmeister: von Steinitz bis Carlsen

1886 fand die erste Schach-WM statt: Wilhelm Steinitz gewann gegen Johannes Zukertort. 128 Jahre später spielen Magnus Carlsen und Viswanathan Anand zum zweiten Mal um den WM-Titel, aber diesmal ist Carlsen der Titel-Verteidiger. Entgegen dem FIDE-Reglement findet die „Revanche“ schon nach einem Jahr statt. In der Geschichte der Weltmeisterschaften nichts Ungewöhnliches. Mehr...

 

von Andre Schulz

Der erste Wettkampf um die Schachweltmeisterschaft fand 1886 zwischen dem gebürtigen Österreicher Wilhelm Steinitz und dem gebürtigen Polen Johannes Zukertort in verschiedenen Städten der USA statt. Damals ging es um 4000 Dollar Preisgeld. Auch vorher gab es schon Wettkämpfe der besten Schachspieler, doch hier wurde erstmals der Begriff „Weltmeisterschaft“ verwendet. Steinitz gewann und verwaltete nun den Titel „Weltmeister im Schach“ als Privatbesitz.

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Wilheml Steinitz

Wer selber Weltmeister werden wollte, musste ihn im Wettkampf besiegen und zuvor ein ordentliches Preisgeld organisieren. Im Laufe der Zeit stiegen die Forderungen, doch im Vergleich zu den heutigen Börsen ging es doch um verhältnismäßig geringe Summen.

1894 besiegte der junge Emanuel Lasker  Wilhelm Steinitz und wurde damit der erste deutsche Weltmeister und blieb auch der einzige. Lasker war bis 1921 Weltmeister, 27 Jahre, so lange wie kein anderer, was aber auch daran lag, dass er seinen Titel zeitweise nicht verteidigte oder nicht verteidigen konnte, weil der Erste Weltkrieg jedes Schachleben verhinderte.

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Wilheml Steinitz

1921 unterlag Lasker in Havanna Raul Capablanca. Diesem folgte Alexander Aljechin nach, der den charismatischen Kubaner im Wettkampf 1927 überraschend besiegen konnte. Einem Revanche-Wettkampf gegen Capablanca ging Aljechin zeitlebens aus dem Weg. Stattdessen spielte er lieber gegen Gegner, die er für „machbar“ hielt: den in Deutschland lebenden Russen Efim Bogoljubow und den Niederländer Max Euwe.

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Raul Capablanca

Gegen Euwe verlor er 1935 den Titel jedoch, holte ihn sich 1937 aber wieder zurück. Der Zweite Weltkrieg unterbrach erneut alle internationalen Schachaktivitäten. 1946 starb Aljechin unter nicht ganz geklärten Umständen in Estoril. Der Weltmeistertitel war vakant. 

Nun übernahm der 1924 gegründete Weltschachbund die Organisation der Weltmeisterschaften und führte ein festes Reglement ein. Nach einem Turnier mit den besten Spielern sollte der Weltmeister von nun alle drei Jahre seinen Titel verteidigen. Der Herausforderer wurde in Turnieren und Ausscheidungskämpfen ermittelt. Das WM-Turnier gewann Michail Botvinnik.

botvinnik.jpgMichail Botvinnik

Mit ihm und seinen Nachfolgern verschwand der Weltmeistertitel aber erst einmal hinter dem Eisernen Vorhang. Die Weltmeisterschaften von 1951 bis 1969 waren eine innersowjetische Angelegenheit mit den Weltmeistern Botvinnik, Smyslow, Tal, Petrosian und Spassky. Gespielt wurde stets in Moskau, in großen Theatern, die randvoll mit Zuschauern gefüllt waren. In der Sowjetunion war Schach Volksport und politisch gefördert, um auch die geistige Überlegenheit der Arbeiterklasse zu dokumentieren. Großmeister erhielten vom Staat eine festes monatliches Gehalt.

Schon Anfang der 1960er Jahre erwuchs der sowjetischen Schachhegemonie mit dem jungen US-Amerikaner Bobby Fischer ein ernsthafter Konkurrent, doch die geballte Kraft der Sowjet-Großmeister schaffte es, zum Teil mit Tricks, diesen erst mal vom WM-Titel fernzuhalten. Fischer beschwerte sich über Partieabsprachen der Sowjetgroßmeister im Kandidatenturnier 1962. Zehn Jahre später, 1972 war es dann aber soweit. Fischer besiegte Spassky im WM-Kampf in Reykjavik und wurde der erste „westliche“ Weltmeister seit Ende des Krieges. Fischer nahm den Siegerkranz, das Preisgeld, stieg in ein Flugzeug und verschwand. Zur Titelverteidigung 1975 gegen Anatoly Karpov trat er nicht an, der Weltmeistertitel wanderte erneut in die Sowjetunion.

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Bobby Fischer

Drei Jahre später fand der Weltmeisterkampf zwischen Karpow und Viktor Kortschnoj in Baguio City unter lauten politisch motivierten Nebengeräuschen statt. Kortschnoj war zwei Jahre zuvor aus der Sowjetunion geflohen. Unter keinen Umständen wollten die Sowjets den Weltmeistertitel an ihn verlieren. Karpow gewann den Wettkampf knapp.

Karpovkortschnoi1981.jpgAnatoly Karpor und Viktor Kortschnoj 

Dann erwuchs ihm im eigenen Land ein noch härtere Rivale:  Garry Kasparov. Der erste Wettkampf der beiden wurde 1984/85 abgebrochen, weil nach 48 Partien immer noch keiner der Spieler sechs Siege aufwies und es nicht so aussah, als ob das einem der beiden gelingen würde. Der Wettkampf wurde wiederholt, nun gewann Kasparov. Zwischen 1984 und 1990 spielten Karpov und Kasparov dann nicht weniger als 144 WM-Partien in mehreren WM-Kämpfen gegeneinander.

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Anatoly Karpov und Garri Kasparov

1993 privatisierten Kasparov und sein Herausforderer Nigel Short den Weltmeistertitel im Streit mit der FIDE. Die FIDE kürte einen eigenen Weltmeister und nun gab es eine Zeitlang sogar zwei Schachweltmeister. 2006 gewann Vladimir Kramnik - er hatte 2000 beim Wettkampf in London Kasparov entthront - den Wiedervereinigungskampf gegen den Weltmeister der FIDE, Veselin Topalov. Das Match fand unter skandalösen Umständen in Elista statt und stand kurz vor dem Abbruch, als das Topalov-Team Kramnik die Toilette verschließen ließ, weil es mutmaßte, dieser würde dort unerlaubte Computerhilfe erhalten. Schließlich gewann Kramnik im Stichkampf.

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Vladimir Kramnik

Im folgenden Weltmeisterturnier der FIDE 2007 verlor Kramnik den Titel an Anand. Der Inder, der zuvor auch schon einmal den Weltmeistertitel der FIDE gewonnen hatte, verteidigte diesen danach in mehreren Wettkämpfen gegen Kramnik, Topalov und Gelfand. Allerdings wurden die Ergebnisse für den Inder immer knapper.

Mit Magnus Carlsen forderte Anand im letzten Jahr ein Vertreter der neuen Generation heraus. Zu den „jungen Wilden“ gehören neben dem Norweger Spieler wie Fabiano Caruana (Italien), Hikaru Nakamura (USA), Anish Giri (Niederlande), Sergey Karjakin (Russland) oder Maxime Vachier-Lagrave (Frankreich). Wer sich die Heimatländer der jungen Top-Spieler anschaut, sieht, dass die einstige Vormachtstellung der Spieler aus der Sowjetunion und deren Nachfolgeländer inzwischen gebrochen ist. Von den genannten Spielern ist keiner älter als 30, einige erst Anfang 20. Und Magnus Carlsen ist der Shooting Star der neuen Generation. Mit Siebenmeilenstiefeln hat er sich an die Spitze der Weltrangliste gesetzt und führt dort mit gewaltigem Vorsprung. Carlsens Stärke ist sein unbändiger Siegeswillen und seine große Energie. Für Carlsen ist Schach in erster Linie ein Sport, weniger Kunst oder Wissenschaft. Da, wo andere Spieler remis machen, weil sie keine Gewinnideen mehr entdecken und müde sind, spielt Carlsen noch lange weiter. Und je weniger Steine auf dem Brett sind, desto gefährlicher wird der Norweger. Auch, oder gerade, in harmlos scheinenden Positionen ist der Norweger brandgefährlich. Diesem Druck hatte Anand beim Wettkampf im letzten Jahr nichts entgegenzusetzen. Er verlor drei Partie und konnte keine gewinnen.

Beim Match in Madras konnte Anand seine Strategie nicht ansatzweise durchsetzen. Anands sicher gute Eröffnungsvorbereitung lief ins Leere, während Carlsen seine Endspielstärke mehrfach zur Geltung bringen konnte. Doch Anand wird seine Niederlage sicher genau analysiert haben und bei der Neuauflage in Sotchi versuchen, seine Fehler des ersten Wettkampfes zu vermeiden.

anandcarlsen.jpgViswanathan Anand und Magnus Carlsen


Eigentlich hätte das WM-Match zwischen Carlsen und Anand Norwegen oder Indien stattfinden müssen. Dort herrscht naturgemäß das meiste Interesse. Anand ist nach seinen vielen Erfolgen in seiner Heimat ein Volksheld. Schach ist nach Kricket inzwischen eine der beliebtesten Sportarten. Die indische Nationalmannschaft holte bei der letzten Schacholympiade – sogar ohne Anand – die Bronzemedaille.

 Carlsen genießt nicht nur in Norwegen, aber hier besonders, die Aufmerksamkeit eines Popstars. Wenn das staatliche Fernsehen NRK seine Partien live überträgt, erreicht es über die fünf- bis sechsstündige Sendezeit einen Marktanteil von 30%. Nur: Der indische Schachverband hat schon im letzten Jahr den Weltmeisterschaftskampf ausgerichtet und der norwegische Schachverband hat sich mit der Organisation der Schacholympiade in diesem Jahr in Tromsö mit 1500 Gästen finanziell weit aus dem Fenster gelehnt. Da sich niemand als Ausrichter für das WM-Match bewarb, musste FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov Vladimir Putin um Hilfe bitten. Die russische Regierung sprang ein und so findet der WM-Kampf zwischen einem Inder und einem Norweger vom 7. bis zum 28. November in Sotchi statt. Austragungsort ist das Medien-Center im Olympischen Dorf der Winterspiele 2014. Als Preisfonds wurden zwei Mio. Euro genannt.

 Jeder Weltmeister in der Geschichte des Schachs hat dem Spiel neue Aspekte hinzugefügt. Der erste Weltmeister, Wilhelm Steinitz, hat zum Beispiel die wissenschaftliche Methode zur Erforschung des Schachspiels eingeführt. Alexander Aljechin war ein brillanter Taktiker mit vielen neuen Ideen in der Eröffnung, während Raul Capablanca die Schachfans durch die „Leichtigkeit“ begeisterte, mit der er seine Partien gewann. Fischer hingegen war ein tiefgründiger Stratege - Taktik kommt in seinen Partien nur am Rande vor.

DVDs der Weltmeister

Während die früheren Weltmeister sich – neben ihren Partien - durch ihre schriftlichen Partiekommentare und Erläuterungen verewigt haben, kommen die Weltmeister der heutigen Generation in Bewegtbildern selber zu Wort. Von wem könnte man sich besser das Schachspiel erklären als von den besten Spielern der Welt?

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Viswanathan Anand My Career Vol. 1

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Garri Kasparov How I became World Champion Vol.1 1973-1985

 

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